Donnerstag, August 30, 2012

Eva schläft - Rezension 2

Fast ein gutes Buch: Francesca Melandri „Eva schläft“


Inhalt:

Anders als der Titel vermuten lässt, ist nicht Eva, sondern ihre Mutter Gerda, die eigentliche Hauptperson des Buches. Gerdas Leben und das ihrer Familie bildet das Handlungsgerüst, anhand dessen das Buch die Geschichte Südtirols beschreibt, nachdem die Region mit Ende des ersten Weltkriegs ein Teil Italiens geworden war.


Die Erzählung beginnt noch vor Gerdas Geburt, mit ihrem Vater Hermann. Hermann Huber war dann einer der Ersten, die infolge der Vereinbarung zwischen Hitler und Mussolini, Südtirol Richtung „Deutsches Reich“ verliessen. Als Mitglied der Waffen-SS hat er überdies noch tatkräftig mitgeholfen, seine Landleute davon zu überzeugen, ihre Höfe und Dörfer ihrerseits ebenfalls zu verlassen, um, den Versprechen Hitlers von fruchtbaren Anbauflächen im Osten folgend, nach Nazideutschland aufzubrechen. 


Als die Familie Huber nach dem zweiten Weltkrieg zurückkehrt in ihr Heimatdorf, das sie mehrere Jahre zuvor für immer zu verlassen geglaubt hatte, werden sie und die anderen „Zurückkehrer“ von der Dorfbevölkerung nicht gerade herzlich aufgenommen. Besonders Gerdas älterer Bruder Peter, der zu diesem Zeitpunkt 11 Jahre alt ist und in einem, für die Dorfjugend fremdartig anmutenden, bayrischen Dialekt spricht, bekommt diese Vorbehalte mit aller Härte zu spüren. In der Schule wird er von den Mitschülern gehänselt und ausgegrenzt und schliesslich ist er, beinahe noch ein Kind, gezwungen, zum Haushaltseinkommen der Familie beizutragen.

Und auch Gerda wird als junges Mädchen schon in ein Hotel nahe Meran geschickt, um sich dort ihren Lebensunterhalt als Küchenhilfe zu verdienen. Während der Ferien im heimischen Dorf lernt sie den Sohn des örtlichen Liftbetreibers kennen und wird prompt von ihm schwanger. Wie nicht anders zu erwarten, wird sie von ihrem Vater des elterlichen Hauses verwiesen und auch vom Vater des Kindes kann sie keine Hilfe erwarten. So bringt sie ihre Tochter Eva in einem von Schwestern geführten Heim für junge Mütter zur Welt.

Glücklicherweise jedoch hat Gerda durch ihre Schwangerschaft ihren Arbeitsplatz nicht verloren und so kehrt sie kurz nach der Geburt mit Eva in das Hotel in Meran zurück, wo sie inzwischen als Hilfsköchin arbeitet. Als Eva jedoch zu laufen beginnt, sieht sie sich gezwungen, ihr Kind bei einer Bauernfamilie in ihrem Heimatdorf unterzubringen.Von da an sieht sie Eva nur in den Zwischensaisonen, in denen sie sich in der Nähe ein Zimmer nimmt und mit dem kleinen Mädchen lebt.


In der Zwischenzeit haben sich in Südtirol die ersten Anschläge der so genannten „Bumser“ auf Einrichtungen und Symbole des italienischen Staates ereignet, die die Region über Jahre hinweg erschüttern sollten. Während es jenen, die die ersten Anschläge verübten noch darum ging auf die Ungerechtigkeiten aufmerksam zu machen, die den deutschsprachigen Südtirolern widerfuhren, arteten die Anschläge mit der Zeit so weit aus, dass sie schliesslich auch ihre Unterstützung innerhalb der Bevölkerung verloren und ihre Verursacher als Terroristen gesucht wurden. Unter diesen befand sich auch Gerdas älterer Bruder, Peter, der sich den selbsternannten Südtiroler Freiheitskämpfern angeschlossen hatte.


An dieser Stelle wird ein weiterer Handlungsstrang in die Geschichte verwebt, der die Bemühungen des langjährigen Südtiroler Landeshauptmanns Silvius Magnago schildert, eine Autonomie der Region zu erreichen.


Zunächst jedoch entsendet der italienische Staat, als Reaktion auf diese Anschläge, ein grosses Aufgebot an Militär und Carabinieri nach Südtirol. Unter diesen befindet sich auch Vito, ein junger kalabrischer Carabinieri, der, in Meran stationiert, Gerda kennen lernt. Die beiden verlieben sich und werden ein Paar. Zum ersten Mal in ihrem Leben hat nun die kleine Eva so etwas wie eine Familie. Einer Heirat von Gerda und Vito wird jedoch nicht nur durch die Ablehnung von Vitos Mutter gegenüber einer Frau mit einem ledigen Kind, sondern auch von offizieller Seite, Steine in den Weg gelegt. Eine Heirat mit einer ledigen Mutter, die zudem die Schwester eines bekannten Terroristen sei, würde demnach Vitos Abschied aus dem Polizeidienst bedeuten. Nachdem Gerda nicht der Grund dafür sein möchte, dass er aus seinem geliebten Beruf ausscheiden muss, trennt sie sich von ihm.  


Jahre später erhält Eva, bereits als erwachsene Frau, eine Nachricht von Vito, der sie an sein Sterbebett ruft. Nachdem sie kurz vor Ostern keinen Flug mehr nach Kalabrien bekommt, fährt Eva im Zug von Meran in den Süden Italiens. Ihre Reise bildet den Rahmen des Buches, je weiter sie in den Süden gelangt, desto weiter schritt die Geschichte voran, bis sie schliesslich bei Vito ankommt und ihn ein letztes Mal sieht.


Leseeindruck:

Francesca Melandri schildert eindringlich und mit viel Verständnis für die deutschsprachigen Südtiroler, wie zuerst das faschistische Italien unter Mussolini eine rigorose Politik der Italienisierung betreibt und wie dann nach dem zweiten Weltkrieg der italienische Staat schlicht die Existenz eines rein deutschsprachigen Landesteils negiert. Anhand der Geschichte von Gerdas Familie versucht sie vor allem, die Geschehnisse rund um die Anschläge auf Symbole des italienischen Staates während der 1960er Jahre in Südtirol zu erklären.

Obwohl sie die Geschichte dieser Region so objektiv als möglich schildert und es vermeidet, Schuldzuweisungen in irgendeine Richtung zu machen, erscheint das Buch leider allzu oft pathetisch und verkrampft. Dazu trägt leider auch bei, dass sie in der Beschreibung ihrer Figuren zu oft auf altbekannte Klischees, jenes der schweigsamen, ungehobelten „Daitschen“ und jenes der kleinen, dunkelhaarigen, samtäugigen Italiener, die den Südtiroler Mädchen nachstellen, verfällt. Trotz aller sonstigen Bemühungen bleibt sie in dieser Hinsicht furchtbar eindimensional. Auch ihre Hauptfigur, Gerda, die sie als beinahe walkürengleiche blonde Schönheit beschreibt, bleibt davon nicht verschont. Und auch Vito, den sie zwar, zwar im Unterschied zu den anderen samtäugigen Italienern nicht als Casanova und Schürzenjägern darstellt, den sie jedoch auch als kleinwüchsigen, dunkelhaarigen Italiener, der noch an den Rockzipfeln seiner Mama hängt, beschreibt.

Grundsätzlich wirkt die gesamte Beschreibung der Liebesgeschichte zwischen Vito und Gerda leider allzu künstlich. Erst spät und nur relativ kurz erfährt der Leser von Vito und seiner Beziehung zu Gerda, die dann jedoch zu einem Dreh- und Angelpunkt der Geschichte stilisiert wird. So sucht Eva später in der Liebesgeschichte ihrer Mutter, eine Ausrede dafür, dass sie selbst nie geheiratet und Kinder bekommen hat. Ja, in einem weiteren Schritt macht sie das Scheitern dieser Beziehung sogar dafür verantwortlich, niemals ihr Studium abgeschlossen zu haben. Nach dem Grundtenor, wäre Vito geblieben und hätte er die Rolle als ihr Vater eingenommen, wäre alles anders gekommen.

Ich habe mich während des Lesens mehrmals an dieser und ähnlichen Konstruktionen gestossen, es ist zu einfach und eigentlich schade für das Buch an sich. Die Geschichte hätte nichts an ihrer Aussagekraft verloren, hätte die Autorin sich solche Beschreibungen und Ausflüchte gespart. In meinen Augen hätte sie sich die ganze Geschichte rund um Evas Zugfahrt nach Süditalien zum sterbenden Vito schenken können, sie trägt nämlich nichts zur Aussage des Buches bei, sondern gibt dem Ganzen vielmehr noch einen ungeschickt wirkenden, kitschigen Anstrich.

Der Roman ist grundsätzlich gut recherchiert und mit viel Liebe zum Detail erzählt. Zu viel Liebe zum Detail jedoch für meinen Geschmack. Zu oft verzettelt sich die Autorin, in dem sie allzu viele Aspekte der komplexen jüngeren Geschichte Südtirols abdecken will. Ein Beispiel dafür ist nur, die Tatsache, dass Gerda nach Jahren, in welchen sie im selben Hotel in Meran beschäftigt war, erkennen muss, um einen guten Teil ihres Pensionsanspruches betrogen worden zu sein, indem sie jeweils nur für wenige Monate im Jahr und nicht ihre tatsächlichen Arbeitszeiten angemeldet war. Oder die Geschichte um Evas schwulen Cousin Ulli, die Beschreibung der Häme und Verachtung, der er als Homosexueller im konservativen Südtirol ausgesetzt war und schliesslich seinen Selbstmord mit der Pistenraupe. Beides hat nicht zur Geschichte an sich beigetragen und wäre in zwei separaten Erzählungen wahrscheinlich besser erzählt.

Fazit:

Mit „Eva schläft“ hat Francesca Melandri fast ein gutes Buch geschrieben. Es ist interessant zu lesen, die Figuren sind gut gewählt und einprägsam beschrieben. An einigen Stellen hat sie jedoch höchst unglückliche Formulierungen gewählt oder unnötige szenische Beschreibungen eingeschoben, bei denen mich des Öfteren ein leises Gefühl des „Fremdschämens“ beschlich. Insbesondere was das Ende des Romans angeht. Während man viele kleine Schnitzer davor noch verzeihen oder ignorieren kann, beim Ende ist das nicht möglich. Die gefühlsdusselige und verkrampfte Beschreibung wie Eva an Vitos Sterbebett eilt und mit ihrem Fast-eben-doch-nicht-Stiefvater Wiedersehen feiert, um dann nach Hause zur alten Gerda zurück zu kommen, die sich bei ihr dafür „entschuldigt“, ihr diese Vaterfigur nicht bieten haben zu können, liess bei mir ein peinlich berührtes Gefühl zurück.

Schade, denn grundsätzlich hat Francesca Melandri mit „Eva schläft“ eine schöne Geschichte erzählt. Man hätte ihr bloss einen besseren Lektor gewünscht. Deshalb auch meine Bewertung von lediglich drei Sternen auf   
Lovelybooks.
Danke an www.vorablesen.de , das mir dieses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. 

Quelle:
me-book-bm.blogspot 

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Anmerkung:
Ich teile die strenge Beurteilung der Rezensentin "Birgit_Wo" nicht. Über die eingeflochtene Liebesbeziehung und das Mutter-Kind Verhältnis kann man geteilter Meinung sein. Ich würde es aber nicht als so ein besonderes Klischee sehen bzw. kann man darüber auch hinwegsehen und nicht das sonst hervorragende Buch abwerten. Es ist der Mut einer Italienerin sehr hoch einzuschätzen, dass sie sich dieses Themas angenommen hat und es vor allem auch aus Südtiroler Sicht so ausgezeichnet behandelt hat. "Fremdschämen" kommt bei mir ganz sicher nicht auf. Nein, nochmal ein Kompliment an die Autorin.
Noch ein Fakt: in Südtirols Bibliotheken ist dieses Buch hochgefragt und es bestehen lange Wartelisten.
Hubert

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